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Über Präsenz

Heute habe ich etwas Neues über Präsenz gelernt.

Das ist eigentlich erstaunlich, weil ich in meiner Yoga- Ausbildung und natürlich in den Yogaklassen oft darüber spreche.

Ich sage meist dasselbe:

Vollständig zuhören.
Hören, was Menschen nicht sagen.
Beobachten.
Den Körper ansehen.

Und sofort fragt jemand der Teilnehmer:

Was soll das überhaupt bedeuten?
Was übersehe ich?

Und ich antworte normalerweise praktisch,
weil das meist gut funktioniert:

Schau Menschen zu, wenn sie sprechen.
Achte darauf, ob ihr Körper mit ihren Worten übereinstimmt.
Jemand sagt „mir geht's gut“, aber seine Finger hören nicht auf, sich zu berühren.
Jemand sagt ja, tritt aber einen Schritt zurück.
Jemand sagt, es sei ihm egal, während er denselben Satz sechsmal neu ordnet.

Etwas passiert.

Vielleicht Scham.
Vielleicht Angst.
Vielleicht Verlangen.
Vielleicht Zögern.
Vielleicht verbergen sie etwas.
Vielleicht schützen sie etwas.
Was auch immer es ist, der Körper ist meist der Erste,
der es verrät.

Manche TeilnehmerInnen verstehen es.
Manche tun sich noch schwer damit.

Und jedes Mal, wenn wir darüber sprechen, wünsche ich insgeheim, ich könnte es besser erklären, weil ich weiß,
dass darunter etwas Großes liegt, eine große Möglichkeit.
Etwas, was ich selbst aber auch nicht immer greifen kann.

Ehrlicherweise unterrichte ich dann manchmal meiner selbst wegen.

Wann immer ich von einem Thema ergriffen werde und anfange,
es zu unterrichten, verstehe ich es besser.
Ich schärfe es.
Ich benutze es.
Ich stehle irgendwie von meinen eigenen Lektionen.
Das Wiederholen macht es mir leichter, es tatsächlich zu verstehen oder eben anzuwenden.

Und irgendwie, währenddessen, hänge ich mich aus Versehen an die Menschen, die von und mit mir lernen.

Denn wenn diese eine Sache, dieser Umstand oder dieses Thema so verändern konnte, wie ich durchs Leben gehe,
es vielleicht auch ihres verändert.

Heute habe ich also aufs Neue verstanden, was Präsenz ist.

Präsenz zu finden heißt, sich um die Existenz zu kümmern.
Zu bemühen.

Kümmern. Bemühen.

Das ist alles.

Präsenz erfordert Mühe.
Präsenz ist nicht Bewusstsein.
Präsenz ist Beteiligung.
Sich genug kümmern, um zu bemerken.

Die Anspannung im Kiefer, bevor Ärger zu Worten wird.
Die Art, wie deine Schultern sinken, in dem Moment,
in dem du dich endlich hinsetzt.
Die Kopfschmerzen, die nicht zufällig sind, sondern aus sechs Stunden Ignoranz entstehen.
Die Art, wie dein Körper sich entfernen will,
bevor dein Verstand die Abneigung zugibt.
Die Art, wie du bei einigen Menschen leiser sprichst,
bei andere einnehmender.
Die Version von dir, die in bestimmten Räumen verschwindet.

Das ist Präsenz.

Du bemerkst, dass der Tee neben dir kalt geworden ist,
weil dein Geist sich von einem Gedanken hat mitreißen lassen.
Du bemerkst, dass du den Himmel seit Tagen nicht mehr angesehen hast.
Du bemerkst, dass ein Raum nicht mehr wie ein Zuhause wirkt, weil du aufgehört hast, ihn mit Sorgfalt zu berühren.
Du bemerkst, dass dein Lachen sich in letzter Zeit anders anhört.
Du bemerkst, dass du wochenlang müde bist,
es aber Disziplin nennst.
Du nimmst wahr.

Draußen bemerkst du es auch.

Jemand sagt „mir geht's gut“,
während er seine Finger verknotet.
Jemand sagt, er vermisst dich, bewegt sich aber nie auf dich zu.
Jemand sagt, er hört zu,
während er schon seine Antwort vorbereitet.
Jemand lächelt, aber die Schultern bleiben unbewegt.
Jemand sagt Ja, während sein Körper ein Nein zeigt.

Präsenz.

Das wahrzunehmen, ändert viel.

Weil die meisten Menschen versuchen, zu beeindrucken.
Du bemerkst die Pause, bevor sie antworten.
Du bemerkst, was ihre Aufmerksamkeit erregt.
Was sie verlegen macht.
Was sie weich macht.
Was sie vermeiden.
Du bemerkst, wo ihr Selbstvertrauen lebt und wo es bricht.
Menschen fühlen sich gesehen bei präsenten Menschen.
Dieses Gefühl ist großartig und beruhigend zugleich.

Die Menschen, an die man sich am meisten erinnert,
sind selten die Lautesten.
Es sind die Präsenteren.

Im Business wird das ein Werkzeug.
Du bemerkst zuerst, dass der Raum an Energie verliert.
Du bemerkst, was Kunden wiederholt beklagen.
Du bemerkst Muster.
Timing.
Bedürfnisse.
Veränderungen.
Du bemerkst, wer das Team trägt.
Wer ausbrennt.
Wer aufgehört hat, sich zu kümmern.
Du bemerkst, was niemand in Meetings sagt.
Das verändert Entscheidungen.

In der Familie wird es Liebe.
Du bemerkst, dass deine Mutter dieselbe Geschichte wiederholt, weil sie es vermisst, sie zu hören.
Du bemerkst, dass dein Vater mit dem Alter ruhiger wird.
Du bemerkst, dass dein Kind vorgibt Schwierigkeiten zu haben, wenn es eigentlich nach Aufmerksamkeit fragt.

Menschen vertrauen Menschen, die wahrnehmen, sich kümmern.
Führung ist Wahrnehmen.
Liebe ist Bemerken.
Verführung ist Aufnehmen.
Leben ist all das.

Präsent-sein beginnt als eine Aufgabe.

Du nimmst deine Aufmerksamkeit zurück.
Wieder.
Und wieder.

Bis es sich eines Tages nicht mehr wie Arbeit anfühlt.

Und plötzlich wird die Welt wieder vielfältiger.
Du bemerkst den Wind.
Den Geruch nach Regen.
Die Traurigkeit, die unter Aktionismus versteckt liegt.
Die Freude, die unter Routine verborgen liegt.
Du bemerkst dich selbst, mehr.

Und vielleicht beginnt dort das Leben.
Im Sich-Kümmern.

Präsenz ist ausgesuchte Intimität mit dem Leben.
Du jagst nicht nach Informationen.
Du bist dafür verfügbar.
Präsenz bedeutet, dem Leben genügend Aufmerksamkeit zu schenken, damit es sich zeigt.

Aber: Sich um die eigene Existenz zu kümmern heißt nicht,
sich um alles und jeden zu kümmern.
Denn wenn du dich um alles und jeden kümmerst,
wirst du ängstlich, überreizt, erschöpft.

Es ist:
Meine Schultern sind angespannt.
Diese Antwort fühlte sich falsch an.
Ich habe seit Wochen nicht richtig gelacht.
Mein Partner wurde still, nachdem ich das gesagt habe.
Der Raum hat Energie verloren.
Ich checke ständig mein Handy,
weil ich dieses Gefühl nicht fühlen will.

Dies ist keine Präsenz:

Was denken alle über mich?
Was wenn etwas Schlimmes passiert?
Lass mich jedes Wort analysieren.
Lass mich jede Emotion im Raum tragen.

Das ist Überwachung.
Oder Angst.
Oder Kontrolle.

Präsenz ist leichter als das.

Denn was einen Menschen in der wertvollsten Bedeutung attraktiv macht, ist nicht, dass er alles bemerkt.
Sondern dass, wenn er mit dir zusammen ist, du das Gefühl hast, nichts anderes existiere.